Kirchenführer Rysum
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Die Kirche
Das heutige Kirchenschiff stammt aus dem 15. Jahrhundert. Der Turmraum wurde bereits im 13. Jahrhundert als Kastenchor errichtet.
In der Mauer des Kirchenschiffs sind viele Tuffsteine verbaut. Sie stammen von einem Vorgängerbau der heutigen Kirche aus dem 12. Jahrhundert. Das Tuffsteinmaterial ist vulkanischen Ursprungs. Es wurde im Bereich der Eifel im Rheinland abgebaut und gelangte über den Rhein und die Nordsee nach Rysum. Die Kirche ist 35,4 Meter lang und 10,1 Meter breit.
Das Turmuhrwerk
Bei der Kirchenrenovierung ab dem Jahr 2000 wurde das Turmuhrwerk von seinem ursprünglichen Platz entfernt und im Eingangsbereich der Kirche ausgestellt. Früher musste die Kirchturmuhr einmal am Tag aufgezogen werden und sorgte dann über eine geeignete Mechanik für einen stündlichen Glockenschlag. Seit einigen Jahrzehnten wird das alles elektrisch betrieben.
Die Inschrift im Rysumer Kirchturm
Hoch oben an der Wand des Kirchturms befindet sich eine bemerkenswerte historische Inschrift. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert und enthält Worte Jesu aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 11, Verse 28–30):
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“
Die Inschrift wurde in einer frühen Form des Niederdeutschen aufgemalt, die auch dem heutigen Niederländisch ähnelt. Sie entstand in der Zeit der Reformation, als sich das kirchliche Leben in Rysum grundlegend veränderte.
Besonders interessant ist ihre ursprüngliche Bedeutung: Der heutige Turmraum war einst der Altarraum der Kirche. Auch nach der Reformation feierte die Gemeinde hier zunächst weiterhin das Abendmahl. Die Worte Jesu waren dabei mehr als eine schöne Wandinschrift. Sie dienten als Einladung, zu Christus zu kommen und bei ihm Geborgenheit und inneren Frieden zu finden.
Bei der Restaurierung der Kirche wurde die historische Inschrift wiederentdeckt.
Die Scheibe im Boden des Kirchturms
Bei Restaurierungsarbeiten wurde im südöstlichen Viertel des Raumes ein Backsteinfußboden freigelegt. Er ist jetzt durch eine im heutigen Boden eingelassene Scheibe zu sehen. Vermutlich gehörte er zu einer nachträglich eingebauten, gemauerten Grabstätte, die später wieder abgetragen wurde. Darauf deuten eine Sargspur und Sargnägel auf dem Boden hin. Der Fußboden erstreckte sich nach Westen bis zu einer Wand, deren Fundament ebenfalls erhalten war. Diese Wand hatte das Turmuntergeschoss – den ehemaligen Chorraum – ungefähr in der Mitte in zwei Hälften geteilt.
Die Weihekreuze
Bei der Kirchenrestaurierung wurden 500 Jahre alte Weihekreuze unter dem Putz entdeckt. Es wird angenommen, dass es ursprünglich 12 waren, von denen fast alle freigelegt werden konnten. Durch diese Symbole, die eine Mischform aus Kreuz und Glückskleeblatt darstellen, wurde die Kirche als heilvoller Ort geweiht. Die Anordnung und Verteilung der Weihekreuze lässt den Restaurator vermuten, dass sie ursprünglich vielleicht sogar mit einem Leuchter verbunden waren - entsprechend den 12 Aposteln 12 Weihekreuze oder sogenannte Apostelleuchter.
Die Apostel waren die ersten Märtyrer, die mit ihrem Tod für die Wahrheit der Auferstehung Jesu eingetreten sind. Sie stehen nach dem Buch der Offenbarung jetzt schon am himmlischen Thron Gottes. Indem man die 12 Apostel mit den 12 Weihekreuzen in die Rysumer Kirche holte, wurde der Kirchenraum damit zu einem Stück Himmel auf Erden. Und diese Weihekreuze des 15. Jahrhunderts zeigen wie auch das Heilige Grab (Nr. 6) die gegenüber dem 13. Jahrhundert geänderte religiöse Auffassung. Waren im frühgotischen Chorraum die 12 Säulen als Symbole für die 12 Apostel noch weit weg von der Gemeinde und später sogar durch einen Lettner abgetrennt, so verwandeln zwei Jahrhunderte später die Weihekreuze auch den Versammlungsraum der Gemeinde zum Ort der himmlischen Gemeinschaft mit den Aposteln.
Die Kanzel
Die Kanzel der Rysumer Kirche ist älter, als lange angenommen wurde. Eine historische Aktennotiz hatte zu ihrer Datierung auf das Jahr 1801 geführt. Bei der Restaurierung zeigte sich jedoch, dass ihr Kern aus Eichenholz bereits aus dem 16. Jahrhundert stammt. Damit reicht ihre Geschichte bis in die Reformationszeit zurück.
Am Kanzeldeckel befindet sich die folgende Inschrift:
SALICH SIND || GADES WORD || HOREN UND || BEWAHREN || ANO 1581
Die Rysumer Kirche wurde ab 1701 umgestaltet. Während der Pastor vorher von einem Ende des Raumes zur Gemeinde redete, gruppierten sich nun Gestühl und Emporen im Halbkreis um Kanzel und Abendmahlstisch. Diese Anordnung brachte zum Ausdruck, dass die Gemeinde sich gemeinsam um Gottes Wort und das Abendmahl versammelte.
Die Kanzel ist damit ein wichtiges Zeugnis der reformatorischen Geschichte Rysums. Ihr älterer Kern und ihre Einbindung in den später umgestalteten Kirchenraum machen verschiedene Entwicklungsphasen bis heute sichtbar.
Die Grabnische
Eine unscheinbare Nische in der Rysumer Kirche erinnert an die Frömmigkeit des späten Mittelalters. Die bis dahin zugemauerte Nische befindet sich im Kirchenschiff nahe dem Übergang zum Turm und wurde im Januar 2008 bei Renovierungsarbeiten wiederentdeckt.
Der Restaurator Andreas Ahlers identifizierte die Nische als „Heiliges Grab“ – eine Nachbildung des Grabes Jesu in Jerusalem. Ihre Entstehung wird mit Bauarbeiten des 15. Jahrhunderts in Verbindung gebracht. Den Nischenboden schmücken Fliesen gleicher Art wie jene im ehemaligen Altarraum.
Wahrscheinlich diente das Heilige Grab der anschaulichen Darstellung der Passionsgeschichte. Nach der von Pastor Dr. Holger Balder beschriebenen Deutung wurde am Karfreitag eine Christusfigur vom Kreuz genommen und in die Nische gelegt. Am Ostermorgen kehrte sie als Zeichen der Auferstehung an das Kreuz zurück. Der genaue Ablauf in Rysum ist allerdings nicht sicher überliefert, sondern wird aus vergleichbaren mittelalterlichen Bräuchen erschlossen.
Die Grabnische lässt so erahnen, wie unmittelbar die Menschen damals Leiden, Tod und Auferstehung Christi nachempfinden wollten. Sie ist ein bemerkenswertes Zeugnis der vorreformatorischen Geschichte der Rysumer Kirche.
Der Kirchturm
Die Ursprünge des markanten Kirchturms reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Ursprünglich war das heutige Turmuntergeschoss kein Glockenturm, sondern der prachtvoll gestaltete Altarraum der mittelalterlichen Kirche. Dieser sogenannte Kastenchor besaß hohe Fenster, kunstvoll gegliederte Wände und ein Gewölbe. Hier feierten die Rysumer ihre Gottesdienste.
Im Jahr 1585 wurde der ehemalige Chorraum zu einem Glockenturm umgebaut. Der Turm besaß damals einen auffälligen Helm, der als „Pynapel“ bezeichnet wurde. Er war sogar ein wichtiges Seezeichen für die Schifffahrt auf der Ems. Im Jahr 1686 stürzte dieser Turmhelm ein. Das Ereignis führte zu größeren Veränderungen im Kircheninneren.
Eine bemerkenswerte Entdeckung machte man 1996: Hinter zugemauerten Wänden im Turmuntergeschoss kamen Teile der mittelalterlichen Architektur zum Vorschein. Bei der anschließenden Restaurierung wurden die frühgotischen Wandgliederungen, alte Farbgebungen und weitere historische Spuren wieder sichtbar gemacht. Seit 2008 können Besucher diesen besonderen Raum in seiner rekonstruierten Gestaltung bewundern.
Die Orgel
Die Orgel der Rysumer Kirche zählt zu den ältesten noch spielbaren Orgeln der Welt. Große Teile ihres historischen Pfeifenbestandes und ihres spätgotischen Gehäuses sind erhalten. Mit sieben Registern auf einer Klaviatur und ohne Pedal ist sie ein vergleichsweise kleines Instrument von außergewöhnlichem geschichtlichem Wert.
Ihre Entstehung führt nach Groningen. Der Chronist Eggerik Beninga berichtet, dass der Rysumer Pfarrer und die Kirchgeschworenen den Häuptling Olde Imel um Erlaubnis baten, fette Rinder über die Ems nach Groningen zu verschiffen. Damit wollten sie Schulden für die dort angefertigte Orgel begleichen. Die Nachricht zeigt, welchen Aufwand die Gemeinde für ihr Instrument auf sich nahm.
Lange galt 1457 als Baujahr. Der Historiker Hajo van Lengen kommt nach einer kritischen Prüfung der Überlieferung jedoch zu einer früheren Datierung: Er hält einen Bau zwischen 1439 und 1441, also um 1440, für am wahrscheinlichsten. Ein genaues Baujahr lässt sich nach seiner Untersuchung nicht nachweisen; auch der Name des Orgelbauers bleibt offen.
Das Instrument wurde 1959/60 durch die Orgelbauer Ahrend & Brunzema restauriert. Dabei wurden fehlende Register rekonstruiert und das spätgotische Gehäuse wiederhergestellt. So bewahrt die Rysumer Orgel bis heute einen seltenen Zugang zur Klangwelt früher Orgelmusik.
Die Inschrift an der Orgelempore
An der Orgelempore befindet sich eine lateinische Bauinschrift mit der Jahreszahl 1513. Ihr Wortlaut nach Auflösung der Abkürzungen und römischen Zahlzeichen ist:
„Hec structura incepta est tempore Victoris Vriese equitis aurati et domini edonis de westerwolda curati Anno millesimo quingentesimo tertio decimo“. Zu Deutsch: „Dieses Werk wurde begonnen zur Zeit des Viktor Frese, Ritters im Golde, und des (geistlichen) Herrn Edo von Westerwolde, des (hiesigen) Pfarrers, im Jahre 1513“.
Die Inschrift erinnert an einen Aus- und Umbau der bereits bestehenden Orgel und ihres Orgelbodens. Die Jahreszahl bezeichnet somit nicht den ursprünglichen Bau des Instruments.









